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WENDLANDREDEN - Landgesundheit

WENDLANDREDEN - Landgesundheit

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Podcast mit Hebamme Rike Zanjani, Hausarzt Dr. Simon Schloon und Osteopath Jonte Witte über ihre Perspektiven auf die Zukunft der Landgesundheit im Wendland.

WENDLANDREDEN als RSS Feed: https://anchor.fm/s/e9715914/podcast/rss

Kapitel:

03:01 Vor- und Nachteile des Landlebens
05:31 Hebamme ins Wendland abgeworben
08:09 Alltagsfolgen des medizinischen Fachkräftemangels
10:52 Arbeitsalltag als Osteopath
13:02 Voraussetzungen für einen Umzug aufs Land
15:18 Klassisches Hausarzt-Konzept als Auslaufmodell?
16:49 Jontes Konzept zur osteopathischen Selbsthilfe
22:22 Typisch „Wendland-Patient*in“
27:08 Gedanken und Fragen aus dem Publikum
32:29 Dankbarkeit und Gemeinschaft als Grundlage

Links:

 

Spotify Podcast

 

Audio-Transkript

WENDLANDLEBEN:

Ein herzliches Hallo zu Wendland reden, dem Podcast über Work, Life, Land und den Sinn für eine gute Zukunft. Wir reden mit Menschen aus dem Wendland über Transformationsthemen, die sie konkret erleben und mitgestalten. Heute Landgesundheit. Ärztemangel, Pflegenotstand, Flächenland. Die eigene Praxis auf dem Land ist sehr gefragt. Vor allem bei der zu versorgenden Bevölkerung, so scheint es. Medizinische und Pflegefachkräfte werden immer wichtiger und im großflächigen Wendland gern gesehen. Wie steht es um die Zukunft der Landgesundheit? Wir sprechen mit drei Wendländer*innen vom Fach. Mit der Hebamme Rike Zanjani, mit Hausarzt Simon Schloon und mit Osteopath Jonte Witte. Alle drei schultern die Aufgabe Landgesundheit auf unterschiedliche Weise und können mit ihren Erfahrungen verschiedene Perspektiven teilen. Mein Name ist Steffen Rudnik. Ich bin selbst zugezogen und was meine medizinische Versorgung angeht, freue ich mich für Kinderarztbesuche in die große Stadt reisen zu dürfen. Auf der Arbeit hingegen bin ich gut versorgt. Zusammen mit Sigrun Kreuser arbeite ich bei der Agentur Wendland leben, einer Initiative, die beim Ankommen, Leben und Arbeiten im Landkreis Lüchow-Dannenberg begleitet und neu, alt und bald Wendländer*innen vernetzt. Das Gespräch habe ich 2023 live vor Publikum geführt während der KLP, der kulturellen Landpartie, einem Kulturfestival das seine Wurzeln im Widerstand gegen das Atommülllager Gorleben hat. Direkt vor dem Panel Talk haben wir mit den Gästen und dem Publikum einen Film gesehen, in dem verschiedene Mediziner*innen des Landkreises zu Wort kommen und authentisch für die Region werben. Im Gespräch nehmen wir mehrfach Bezug auf den Clip, ihr findet ihn verlinkt in den Show Notes oder unter wendlandarzt.de

Okay, gut. Simon, ihr hattet die Schnauze voll und seid aufs Land gegangen. Jetzt bist du hier Arzt. Wie einfach war es dann doch?

 

SIMON:

Das ist gleich eine schwierige Frage zum Anfang. Es ist schon schwer, hier so klarzukommen. Man hat ein großes Haus, großen Hof, alle möglichen Sachen, die gemacht werden müssen. Das ist natürlich sehr anders als im städtischen Umfeld. Aber letztlich, im Nachhinein, war es recht einfach, das zu machen. Also weil es einfach Freude macht, ja, vielleicht einfach auch, weil hier noch irgendwie was gehen kann, so, ne? Weil einfach noch nicht alles so fertig ist. Was ist im Alltag, sagst du, weil es jetzt alles ganz anders ist, so die größte Entbehrung oder Veränderung, meiner Meinung nach auch positiv, im Wendland als Mensch erlebst? Also ich finde, hier gibt es eine große Community irgendwie in unserem Bereich, so in unserem Alter, in unserer Interessenslage. Wir haben hier sehr viele Sozialkontakte, viel mehr als in der Stadt eigentlich, weil doch viele sich irgendwie doch kennen, auch in ein paar Ecken. Und da macht man sehr viel. Das ist vielleicht so das Positivste, würde ich sagen. Es ist sehr schön, ruhig in der Natur zu leben und einen fantastischen Sternenhimmel abends zu haben und irgendwie fernab von Lärm und Beton zu sein. Aber man ist eben auch fernab von öffentlicher Hand, Nahverkehr und kulturellen Angeboten, wenn nicht gerade KLP ist und so halt.

 

WENDLANDLEBEN:

Ist der ÖPNV oder die mangelnde Clubdichte der Grund, warum wir jetzt so einen Ärztemangel haben?

 

SIMON:

Tja, gute Frage. Möglicherweise nicht. Den Ärztemangel haben wir ja irgendwie überall. Da sind wir auch ja nicht hier anders als andere ländliche Regionen. Wir sind gar nicht die schlechtesten in Niedersachsen. Vielleicht sogar noch dafür, dass es ja hier wirklich sehr ländlich ist, sind wir vielleicht sogar noch ein bisschen besser als andere Regionen, die quasi nicht eine KLP haben und nicht irgendwie eine Community von Expats aus Städten haben, die hierher gekommen sind.

 

WENDLANDLEBEN:

Bist du immer schon im Wendland gewesen oder auch zugezogen, Rike?

 

RIKE:

Also ich bin hier aufgewachsen, bis ich 13 war, richtig in der Kommune, hier im Wendland. Und dann habe ich bei meinem Vater gewohnt und bin jetzt wiedergekommen, genau, vor drei Jahren. Ich glaube, ein großer Grund waren meine Kinder. Wir haben auch in Berlin gewohnt und Kinder in der Stadt groß werden war ein Grund, warum ich gedacht habe, nee, es ist schöner hier. Und weil ich es einfach auch hier mag und schon immer mochte. Und so ein bisschen nach Hause kommen auch. Als Hebamme war es für dich, nehme ich jetzt an, nicht so schwierig beruflich hier Fuß zu fassen? Ne, ich bin schon aus Berlin abgeworben worden hierher. Also das ging ganz wunderbar. Und es war eher ganz im Gegenteil, dass die es gar nicht fassen konnten, dass eine Hebamme hierher zieht und dann auch noch arbeiten möchte. Also es war gar nicht schwer.

 

WENDLANDLEBEN:

Wo bist du Hebamme?

 

RIKE:

Ich arbeite freiberuflich in Dannenberg als Beleghebamme in der Klinik und mache aber auch Vorsorgen und Nachsorgen, also begleite die Frauen im Wochenbett und in der Schwangerschaft, zu Hause und in der Klinik. In dem Film, der jetzt den Fokus auf jeden Fall auf Ärzte, Ärztinnen hat, hieß es, dass die große Last auf sehr wenigen Schultern in dieser Landgesundheitsfrage verteilt ist.

 

WENDLANDLEBEN:

Ist das im Hebammenbusiness auch noch der Fall? noch der Fall?

 

RIKE:

Also als ich gekommen bin, gab es total das Strukturwandel in unserem Team. Es war eigentlich ein bestehendes Team, die aber sehr alt waren. Also nicht alle, aber viele waren alt. Und die haben dann beschlossen, kollektiv alle zusammen aufzuhören. Und dann waren im Prinzip ich und eine Kollegin, die gesagt haben, das geht nicht. Es kann nicht sein, dass die Frauen über 70 Kilometer zur nächsten Klinik fahren müssen, weil auch so haben wir schon viele Auto- und Parkplatz geboten hier, weil die Wege einfach zu weit sind. Und dann haben wir den Film gemacht und haben aber auch alle Hebammen im Umkreis von 200 Kilometern persönlich angeschrieben. Und jetzt haben wir ein ganz wunderbares, neues Team und es pendeln aber viele. Also es pendeln viele aus Lüneburg, Ebsdorf, Hamburg. Die kommen wirklich hierher, weil man hier noch Geburtshilfe machen kann, wie man es in der Stadt einfach oft nicht möglich ist.

 

WENDLANDLEBEN:

Was heißt das konkret? Wie ist das in der Stadt nicht möglich?

 

RIKE:

Also wir haben ja wenig Bevölkerung, deshalb dementsprechend auch wenig Kinder, die geboren werden. Und wir können gewährleisten, dass wir eine Frau haben und ein Hebamme unter der Geburt. Das ist eigentlich das nationale Gesundheitsziel, dass man sagt, so sollte es sein. Aber das ist natürlich mit dem Personalmangel und finanziell auch überhaupt nicht leistbar. Und hier ist es aber möglich. Und das ist, also ich finde, das allerschönste Arbeiten überhaupt, wie man hier arbeiten kann. Das heißt, wer jetzt noch Kinder plant, die beste Betreuung dafür findet man eigentlich in dieser strukturschwachen Region am Arsch der Heide. Also was die Hebammenbetreuung, würde ich ja sagen. Die Ärztebetreuung, also besonders Kinderarztbetreuung, das ist eher problematisch, weil dadurch, dass wir eine kleine Klinik sind, ist natürlich kein Interesse da, dass auch Kinderärzte vor Ort sind. Und wenn wir Notfälle haben, müssen die aus Lüneburg kommen. Und das dauert lange. Ja, wenn alles gut ist, ist es perfekt hier. Und wenn man aber im Notfall ist, ist es manchmal auch, merkt man, dass einfach auch der Arztmangel hier herrscht. Das ist ein Problem.

 

WENDLANDLEBEN:

Jonte, du als selbstständiger Osteopath in Lüchow, wie merkst du, dass der Schuh drückt bei der Bevölkerung?

 

JONTE:

Er drückt auf der einen Seite, auf der anderen Seite aber, will ich einmal kurz das aufgreifen, was Rike gesagt hat. Ich habe viele Säuglinge, viele Neugeborene bei mir auch in der Praxis Und was ich höre, was die Betreuung angeht, was die Geburten angehen in Dannenberg bei euch, höre ich sehr, sehr viel Positives. Also das will ich einmal von meiner Seite auch mal zurückgeben. Ich höre sehr viel Dankbarkeit dort aus den Familien und das ist sehr, sehr wertvoll. Und das kann man gar nicht genug hervorheben, wie schön es ist, dass so eine Hebammenbetreuung möglich ist. Und ja, das von der Seite. Die Frage war, wo ich merke, wo der Schuh drückt. Auf jeden Fall in der Fülle der Nachrichten auf dem Anrufbeantworter jeden Morgen. Vor allen Dingen nach dem Wochenende. Wir haben es so, dass wir in unserer Praxis inzwischen vier Therapeut*innen haben, die alle aber nicht Vollzeit arbeiten. Das ist mit zwei Behandlungsräumen nicht immer möglich, auch spontan Termine anzubieten. Das geben wir schon gleich auf der Anrufbeantworteransage durch. Bitte Geduld haben. Im Notfall oder bei ganz akuten Sachen bitte Bescheid geben. Dann versuchen wir, es einzurichten. Orthopäden im Landkreis, die merken wir schon. Und auch wenn jetzt ein Orthopäde oder eine Orthopädin aufhört, da kommen dann in der Woche darauf viel mehr Anrufer als vorher. Und wir müssen viele Menschen einfach auch vertrösten und sagen, ja, versucht es bei jemand anders. Ganz gut, schaffen wir es einfach nicht.

 

WENDLANDLEBEN:

Wie viel größer müsste deine Praxis sein, damit ihr sagen könntet, super, so läuft es und niemand muss warten?

 

JONTE:

Wir hätten eigentlich noch Kapazitäten von der Nachfrage für bestimmt zwei, vielleicht drei volle Stellen. So würden wir auch machen. Die Räumlichkeiten geben das nicht ganz her. Könnten aber auch überlegen, im Raum weiter anzumieten. Aber kein Osteopath arbeitet eigentlich Vollzeit. Kann ich kaum Menschen, die das machen. Sozusagen dann fünf, sechs halbe Stellen, was ausreicht für den Lebensunterhalt, wären möglich und sind da. Da sieht man das Verhältnis. Unsere nächsten freien Termine sind in drei, vier Monaten. Das ist bei Rückenbescheren schwierig.

 

WENDLANDLEBEN:

Schmerzhaft, ja. Wie ist das bei euch, Simon? Arbeitet ihr Vollzeit? Oder ist das so ein Osteopathen-Ding und warum?

 

SIMON:

Also ich arbeite im Schnitt so, ich würde sagen, 40 bis 60 Stunden die Woche ungefähr. Aber ich bin ja selbstständig, also. Ich arbeite auch nicht ganz Vollzeit. Ich habe einen freien Tag in der Woche sozusagen. Das ist auch so mein Thema Selbstvorsorge Work-Life-Balance. Ich weiß nicht, ob das in der Staatsbank gegangen wäre, aber hier können wir es machen. Aber ja, man muss eben auch auf sich gucken. Das ist wahrscheinlich der Grund, weshalb auch viele von deinen Kollegen nicht Vollzeit arbeiten wollen, weil einfach vielleicht so ein bisschen der Spirit herrscht, dass das, was man braucht zum Leben, das reicht und man muss eben gucken, dass es einem sonst auch gut geht.

 

JONTE:

Ich habe das probiert, also nicht ganz Vollzeit, aber es ist in meiner Erfahrung vor allen Dingen in den ersten Berufsjahren, das ist erstens eine körperliche Arbeit, aber eben auch, weil es sehr zugewandt ist, sehr viel Kontakt zu Menschen über einen längeren Zeitraum. Das ist bis zu einer Stunde, die wir dann wirklich mit den Händen dran sind am Gewebe. Das hab ich noch nicht ganz rausgefunden, was das ist, aber es schlaucht. Ich hab Hochachtung vor Menschen, die in einer Stunde zehn, 15 verschiedene Menschen sehen können und sich auf die Geschichte einlassen können und in Kontakt gehen können und ruhig bei sich sein können. Das ist eine Herausforderung für Osteopathen, die auch gelernt sein muss. Bei uns ist es so, meine Partnerin arbeitet auch in der Praxis, wir haben zwei kleine Kinder, deswegen müssen wir schauen, dass einer nachmittags zu Hause ist. aber wir sind 50/50 aufgeteilt und das ist ein Riesenprivileg, so überhaupt einen Lebensunterhalt bestreiten zu können und immer noch viel Zeit für Haus, Hof und Kinder zu haben.

 

WENDLANDLEBEN:

Seit wann gibt es die Praxis und wo warst du davor?

 

JONTE:

Seit jetzt viereinhalb Jahren und das war von Null auf Hundert bei uns damals. Wir hatten Termine angeboten und ich war am Anfang noch alleine in der Praxis und die dritte Woche war die erste volle Woche. Das ist für einen Start in die Selbstständigkeit schon, das habe ich nicht erwartet. Das habe ich drei Monate gemacht und danach war ich erst mal zwei Monate selber krank. Jetzt zu dem Thema, ich habe mich da übernommen, musste mich erst mal einschuckeln. Und das ging mit der Unterstützung von Kolleginnen und Kollegen jetzt in den letzten Jahren immer besser.

 

WENDLANDLEBEN:

Du hast davor nicht im Wendland gewohnt. War das für dich klar oder ein Wunsch speziell hierher zu kommen oder auch wie bei vielen Zufall, Schicksal?

 

JONTE:

Wir haben in Hamburg gelebt noch und unser erster Sohn war ein halbes Jahr. Da habe ich es gemerkt, ich halte es nicht aus in der Praxis, in der ich gearbeitet habe, in der Wohnung, in der wir gewohnt haben. Wir haben alles gekündigt, Job und Wohnung und wussten nicht wohin. Und einen Monat später waren wir in Kontakt mit der Gemeinschaft hier in Wendland, wo wir zunächst gestartet sind. Es war innerhalb von wenigen Wochen, hat sich unser komplettes Leben umgedreht und für mich ist das Wendland, was Familie angeht, Familienleben der optimale Lebensort. Und das war für uns klar. Das ist es. War kein Hadern dabei.

 

WENDLANDLEBEN:

Warum muss man das nur allen sagen, dass es hier so ganz gut ist und dann kommen die alle? Oder woran hat es bisher gehapert?

 

SIMON:

Also ich muss ja sagen, wir haben auch immer alte Bekannte von früher aus Hamburg und Berlin. Es gibt schon bei vielen so diese Tendenzen zu sagen, jetzt habe ich Familie gegründet, jetzt geht es raus aufs Land. Aber doch ist es so, dass die wenigsten sich das einfach trauen. Ich meine, du hast ja da einen super Start dann hingelegt und hast was gefunden, aber du musst einen Schulplatz kriegen, du musst einen Wohnraum kriegen und dann noch irgendwie einen Job haben. Da muss man natürlich schon erstmal ein bisschen was aufkratzen und die Gewohnheiten irgendwie ändern. Und ich weiß nicht, bei uns war es auch damals so, wir wollten unsere Kinder auf eine Waldorfschule schicken und haben in Hamburg dann eine Absage von unserer zuständigen Schule bekommen und uns dann fast mehr so aus Spaß und Hitzacker an der Waldorfschule beworben. Da ging das dann auch innerhalb von ein paar Wochen, dass es irgendwie klackt, wir dann einen Schulplatz bekommen haben. Und das hat das eigentlich erst ausgelöst, dass wir überhaupt dann hierher gezogen sind. Und das auch sofort dann gemacht haben. Also es muss halt einfach alles zusammenfallen. Das muss stimmen.

 

WENDLANDLEBEN:

In dem Film hieß es einmal, dass diese ganzen leeren Praxen einfach gefüllt werden müssen. Ist es so einfach?

 

SIMON:

Ne, so einfach ist es vielleicht nicht. Wir haben im Moment Hausärzte, jetzt zweieinhalb Freie sozusagen. Da kann man einfach nach Lüneburg zur KV gehen und sagen, ich mach das jetzt. Und dann braucht man dann noch Räumlichkeit und Mitarbeiter und kann quasi starten. Aber jetzt leer stehende Praxisräume, wo man quasi direkt loslegen muss, gibt es vielleicht irgendwie, die schon ein paar Jahre leer stehen oder so. Aber eine Praxis zu haben, ist ja eine Teamwork-Sache. Also du brauchst da ja mehr als nur den Raum, wo du bist. Aber ich denke, auch das ist, die Chance besteht eigentlich da. Und das ist zumindest unser Ansatz. von meinem Kollegen Hanno Himmel in Clenze und mir, dass wir sagen wollen, wir wollen gemeinschaftlich da was machen. Wir müssen das vernetzen, wir müssen das zusammenbringen, wir müssen irgendwie gucken, dass wir im Team-Setting arbeiten können, weil da alle Vorteile von haben. Weil man diese ganzen Sorgen um Personal, Stimmung, Krankenstand und so, ist, denke ich, alles viel besser auszugleichen, wenn man mit mehreren sich gut verstehenden Kolleginnen zusammen ist.

 

WENDLANDLEBEN:

Ist das ein innovativer oder neuer Gedanke in meiner Welt, Wenn man vorher nicht groß drüber nachgedacht hat, war das für mich ein älterer Herr, der so eine Praxis auf dem Land hatte und das alles irgendwie alleine gemacht hat. Dann gab's noch jemanden für die Büroarbeit. Dieses Gemeinschaftsding unter Ärzten, hat das gebraucht oder ist das hier selbstverständlich?

 

SIMON:

Also, die jetzige Form von ärztlichen Gemeinschaftszusammenschlüssen sind in erster Linie quasi finanzielle Probleme. Man kann nicht so aus dem Vollen schöpfen, da vorne vier Leute hin, die machen dann die Sachen und ich nehme mir da pro Patient die Zeit, die ich brauche. Das geht einfach nicht. Das ist heute eben doch auch wirtschaftlich Mechanismen unterworfen und da muss man eben einfach gucken, dass man ein Unternehmen hat, was läuft. Und da ist natürlich die Überlegung, dass wenn man mehrere Kollegen hat, man sich gegenseitig vertreten kann, man letztlich mehr Service auch anbieten kann. Aber ich dachte das vielleicht noch mehr als nicht nur ärztlich, sondern auch, wir müssen das ein bisschen neu erfinden. Dieses Modell, was du beschrieben hast, das funktioniert vielleicht einfach nicht mehr. Ich habe meinen Hausarzt, da gehe ich hin, der hat Zeit für mich, der kennt mich, meine ganze Familie und am Ende verschreibt er mir eine Pille. Das ist eigentlich gar nicht das, was es braucht. Es braucht vielleicht eher so etwas wie, da ist ein Zentrum, ein Haus, da gehe ich hin, da werde ich angeguckt, dann kann ich mein Problem vortragen und dann gibt es da jemanden, der mir hilft. Ob das jetzt ein Arzt ist oder Osteopath. Das muss nicht alles immer nur der Hausarzt untersucht, verordnet und dann geht das in die Richtung, sondern irgendwie muss das ein bisschen fluider werden, glaube ich.

 

WENDLANDLEBEN:

So eine gewisse Fluidität ist auch wahrscheinlich der Grundgedanke deiner Idee, du hast dir so eine Selbsthilfe oder Hilfe zur Selbsthilfe-Geschichte überlegt. Willst du diese neue Idee mit uns teilen?

 

JONTE:

Ja, kann ich gerne machen. Und zwar ist das unter anderem daraus entstanden, dass eben viel Bedarf ist und ich schon einen großen Anteil habe in der Praxis, wo ich nicht nur manuell tätig bin, sondern eben auch Übungen anleite und ein Verständnis oder eine Art von Patientenaufklärung betreibe, die ein Grundverständnis vermittelt, okay, was sind eigentlich die Zusammenhänge, warum tut mein Rücken weh, wenn ich Magenschmerzen habe oder Ähnliches. Und diese Verständnisgeschichten, die eben nicht jedes Mal im 1-zu-1-Kontakt weiterzugeben, sondern vielleicht in der Gruppe und dann durch den Gruppenprozess, durch die Gruppenerfahrung sich die ganzen Themen theoretisch zu erschließen oder zu erarbeiten und auf der anderen Seite dann auch Übungen zu machen, die das Ganze dann erfahrbar machen. Und dieses Institut, was ich jetzt als Rahmenprogramm dazu gegründet habe, gerade das ist letztendlich nur das, was dann nach außen steht. Eigentlich geht es mir darum, in diesen Gruppen das zu vermitteln, was ich gerade gesagt habe. Und das ist nicht nur eben das Verständnis, dann die Übung selber, um Vertrauen zu bekommen, weil ich kann selber was machen, ich wende mich meinem Körper zu, ich habe eine Idee Ich sehe davon, was vielleicht Zusammenhänge da sind. Und ich hab auch noch Selbstbehandlungstechniken, die man ohne weiteres bei kleineren Sachen gut anwenden kann bei sich. Oder zumindest dann auch mal ein Symptom anders wahrnimmt. Ich seh dann ein Symptom nicht mehr als, oh, das ist jetzt was, wo ich mit zum Arzt muss, und der macht das weg, so ganz platt gesagt. Sondern, ah, das ist vielleicht ein Hinweis, irgendwo ist was im Magen. Und diesen Schritt dann zu gehen mit kleinen Übungen, Kontakt zu kommen. Das funktioniert gut. Das hat in der Praxis gut funktioniert und funktioniert in den Gruppen, die wir dann machen, auch ganz gut.

 

WENDLANDLEBEN:

Ist das in der Geburtspraxis und bei Ärzten auch so, dass wenn die Kunden, die Patientinnen ein gewisses Vorwissen haben, dass es die Arbeit erleichtert? Also ich weiß, dass es Leute mit Google-Wissen beim Arzt öfters auch mal Unverständnis hervorrufen können. Also hilft es euch, wenn die Leute schon eine gewisse Vorbildung haben medizinisch?

 

RIKE:

Also bei uns ist es manchmal eher hinderlich, finde ich. Es kommt immer darauf an, aber es gibt einfach sehr viele Foren, die ja auch sehr viel Angst verbreiten und auch auf so einem halb gefährlichen Unwissenheit basieren. Also wir haben das Gefühl, es ist eigentlich bei uns, die Frauen können oft besser in die Geburt gehen, wenn sie zum Beispiel einen Geburtsvorbereitungskurs machen machen oder wenn sie auch im Vorfeld eine osteopathische Behandlung haben, aber dann von auch Spezialisten und nicht von Internetwissen, was sie nicht wirklich genau einzuordnen wissen. Und das gerade, wenn Menschen sehr empfänglich auch für Angst sind, dann kann es natürlich, ist das Internet die Hölle.

 

SIMON:

Also meiner Meinung nach nicht immer gut. Da würde ich mich anschließen. Das ist bei uns auch ähnlich. Also zumindest dieses reine Google-Wissen oder so letztlich, man muss ja nur sich vorstellen, wie man Symptome wie Müdigkeit oder Erschöpfung oder so nachschlägt, wie viele verschiedene Ideen es dazu gibt oder Verdauungsbeschwerden. Das ist dann unsere Aufgabe mehr, diese ganzen Impulse so ein bisschen zu ordnen und schön zusammenzulegen, dass es dann alles wieder in die Schublade reinpasst. Also meine Haltung ist auf jeden Fall so, dass das ein Teamsport ist zwischen Patient und Arzt. Und dass es eigentlich dazu gehört, dass der Patient sehr gut Bescheid weiß und einen hohen Wissensstand über sich und seinen Gesundheitszustand auch kriegt. Und da versuchen wir natürlich auch dran zu arbeiten. Also diese eigentlichen Killer sind ja sowas wie schlechte Lebensführung, schlechte Ernährung, viel Stress und sowas. Da merke ich schon, da ist ein geringer Kenntnisstand insgesamt bei den Patienten. Häufig würde ich sagen. Also was heißt Kenntnisstand? Viele wissen es, aber ein geringer… Also das ist ein großes Problem auch hier.

 

WENDLANDLEBEN:

Also wenn man jetzt getrieben durch die kulturelle Landpartie annähme, dass das Work-Life-Balance hier auf dem Land so ein bisschen besser ist und viele sehr achtsam gegebenenfalls mit sich umgehen, ist die Wendland-Patientin insgesamt dadurch ein bisschen einfacher, weil sie ein bisschen achtsamer mit sich umgeht und nicht dem Großstadtstress ausgesetzt ist? Oder wie kaputt ist die Landbevölkerung?

 

JONTE:

Ich würde sagen, nicht kaputt, sondern im Gegenteil, schon interessiert, in diese Selbstverantwortung reinzugehen. Also da ist schon eine grundlegende Neugierde da. Ob das jetzt im ersten Schritt über Google ist, inhaltlich vielleicht schwierig, glaube ich. Auf der anderen Seite ist es eben dann eine Möglichkeit, das aufzugreifen und damit eben in so einen Austausch zu gehen. Und das ist für mich nicht hilfreich, wenn das Wissen irgendwie zu einer Passivität wird, ja, ich weiß Bescheid, aber mach mal weg, sondern im Sinne von er hat da eine eigene Zuwendung oder einer eigenen Selbstverantwortung gibt es in beide Richtungen. Kann ich jetzt im Vergleich zu Hamburg schwierig sagen, ob es einen ganz großen Unterschied gibt, aber insgesamt ist es für, ich glaube, ich bin dann noch mal in einer anderen Situation als ihr jetzt vielleicht, ihr beiden, weil mein Bild oder mein Berufsbild noch nicht ganz klar definiert ist oder es gibt noch nicht so viele klare Erwartungen. Und das ist für uns eher hilfreich, dieses noch nicht wissen, was erwartet mich da eigentlich, dass schon bevor die Menschen zu mir kommen, schon eine grundlegende Neugierde oder erstmal ein einlassen da ist. Und eben jetzt auch das mit den Workshops eben, was ist, ja da ist eine grundlegende Neugierde, ein Stück weit auch ein Vertrauen, das vorgeschossen wird, so mal ein bisschen was Eigenes zu forschen und sich selbst zuzuwenden. Das ist etwas, was dann daraus passiert oder wie sich das dann entwickelt, das ist ganz unterschiedlich.

 

WENDLANDLEBEN:

Habt ihr prototypische Wendland-Patient*innen?

 

SIMON:

Es gibt zwei, würde ich sagen. Es gibt hier eine große Bevölkerungsschicht, die extrem offen ist für, ich sag mal, nicht diese Medikamentenmedizin, du hast einen hohen Blutdruck, du kriegst da jetzt vier Medikamente und dann ist alles gut. Sondern viele, die einfach Interesse dran haben, dass wir zusammen gucken, wie kriegen wir das anders hin. Oft kriegen wir das hin durch Prävention, Beratung zum Thema Lebensführung, Ernährung, sowas alles. Aber das ist nur der eine. Der andere ist eher so der, da bin ich gerade auf dem Fahrrad hierher dran vorbei gefahren, da ist ein Bauer umgekippt beim Beregnen. Der war wahrscheinlich seit ungefähr 25 Jahren nicht mehr beim Arzt oder so. Und ist einfach ... weiß jetzt nicht, was der hat. Aber wir sehen auch viele fortgeschrittene Krankheitsstadium. Hier. Also viel mehr als in Hamburg. Könnte so ein kleiner Bias sein, einfach von der Wahrnehmung hier. Aber es ist schon so, dass es hier auch eine sehr gesundheitsunbewusste Bevölkerung gibt. Und wenn wir uns die Zahlen angucken, Bevölkerungsstruktur, älter, dann haben wir es immer mehr mit solchen chronischen Leiden auch zu tun. Und ich habe das gerade, weil mich das interessiert hatte, nochmal nachgeguckt. Die Lebenserwartung für einen Wendländer, für einen Mann, ist vier Jahre kürzer als ein Starnberger. Also das ist schon ordentlich. Also das ist schon viel. Und immerhin noch zwei Jahre kürzer als für einen Hamburger. Also der Hamburger lebt auch zwei Jahre länger.

 

WENDLANDLEBEN:

Aber natürlich für unglücklicher.

 

SIMON:

Natürlich! Das sagt ja auch nichts über die Qualität aus. Aber das ist ja dramatisch.

 

WENDLANDLEBEN:

Wie viel Prophylaxe oder Medizin oder Aufklärung, also jetzt in Personalnummern und das ganz knallharte Zahlen runterzuspringen, bräuchte es, damit wir endlich auch so alt werden oder älter noch als die Hamburger*innen?

 

SIMON:

Tja, das ist die große Frage. Auch in Hamburg ist es schwierig, Facharzttermine zu bekommen und Psychotherapietermine zu bekommen. Das ist auch in Hamburg und Berlin schwierig. Aber da gibt's einfach dann doch viel mehr. Und für Notfall in den Krankenhäusern, da ist einfach viel mehr Mittel da, viel mehr Möglichkeiten. Ich arbeite auch im Rettungsdienst, hab einen ziemlich guten Einblick in unser Notarztwesen und Rettungsdienst. Bevor ich in Kirschbaum bei mir steige, da denk ich mir schon mal nach, dass die Leiter bitte auf jeden Fall sicher stehen soll. Wenn da was passiert, wenn's gut läuft, kommt ein Hubschrauber. Wenn es regnet oder Nacht ist, dann fliegt der nicht. Und wir fahren mit dem Notarztwagen manchmal 25 Minuten Anfahrt. Wenn ich da irgendwie im Kirschbaum oder unter dem Kirschbaum liege, ist das ein bisschen lang. Das sind vielleicht auch die Jahre. Die werden zwar ein glücklicher freier Fall aus dem Kirschbaum, aber es ist...

 

RIKE:

Genau. Vielleicht auch das. Ich finde, man merkt so sehr bei der Gesundheit, ich habe ja hauptsächlich mit jungen Frauen zu tun, aber die Kluft. Also es gibt so sehr die wirklich ganz bewusste Blase hier im Wendland, die sich gut ernähren, die Sport treiben, die gebildet sind, die irgendwie dieses Klischee denken. Es gibt aber auch alle anderen Schichten, die es auch in den Städten gibt. Und also gerade als Hebamme ist es irgendwie, gerade müssen diese Menschen auch irgendwie abgeholt werden, da wo sie sind. Und wir sind jetzt dabei, dass wir sagen, wir müssen auch mit dem Landkreis zusammenarbeiten dass es mehr Förderung gibt, auch einfach für Frauengesundheit, für Kinder im Kleinkindalter, also wirklich ganz kleine im ersten Lebensjahr, weil da ist hier relativ wenig. Es gibt viel dann ab, wenn sie drei sind oder da, wo sie in die Schule kommen, aber gerade so diese ersten Lebensjahre, da sind die Familien oft ganz alleine. Und es gibt viele Familien mit Migrationshintergrund, die auch oft nicht wissen, wo sie hin müssen und so weiter. Und da kommen dann oft wir ins Spiel und versuchen dann zu vernetzen. Und es gibt diese Vernetzungsstellen, aber man muss aktiv die auch dahin begleiten, so oder hinheben oder aufmerksam machen. Und das finde ich ist hier, da könnte es Verbesserungen geben. Und das ist aber auch das, was es so spannend macht, finde ich, dass man einfach die diversesten Familien betreuen kann, die es nur gibt. Das ist ja auch wunderbar. Es ist irgendwie, du gehst bei einem Hausbesuch, da bist du bei dem Banker in seinem, keine Ahnung, frisch gebauten Neubau. Und dann bist du bei der Frau, die irgendwie alleine ihr Kind in einer Jurte im Wald bekommen hat. Und dann bist du bei einer Frau aus Syrien, die mit, also jetzt ganz plakativ gesagt, mit zehn Kindern auf 20 Quadratmetern wohnt. Und das macht es besonders einfach, auch da zu gucken, wer braucht was und wer braucht auch was gesundheitlich, dass alle irgendwie einen guten Start haben ins Familienleben.

 

WENDLANDLEBEN:

Wer braucht was, finde ich, ist ein gutes Stichwort fürs Plenum. Mögt ihr eure Gedanken oder Bedürfnisse mit uns teilen, was euer Background mit der Medizin hier auf dem Land ist? Habt ihr alle genug Ärzte? Seid ihr vielleicht selbst welche? Was entnehmt ihr der Presse? Habt ihr selbst Sorgen, dass ihr unterm Kirschbaum liegen bleibt?

 

PUBLIKUM 1:

Also, ich finde, man merkt ganz deutlich den Fachärztemangel. Ich find es ganz erschreckend, wie häufig neurologische Notfälle in unserer Klinik landen und nicht weiterverlegt werden können, umliegenden Kliniken voll sind. Das find ich schon erschreckend. Ja, und auch sonst, wenn man Patienten außerhalb von klassischen chirurgisch- internistischen und empfiehlt, "Stellen Sie sich doch mal da vor und dort"; dann wissen Sie nicht, wohin. Ich kann's Ihnen leider auch nicht sagen, weil ich noch relativ neu im Landkreis bin und noch nicht weiß, wo es welche Fachärzte gibt. Aber oft ist dann schon so, "Ich bin ja über 80, wenn ich jetzt noch nach Lüneburg muss", ist das schwer.

 

PUBLIKUM 2:

Ich komm aus Lüneburg und arbeite da gerade als Assistenzärztin in der Hausarztpraxis. Und so diese Überlegung, eben so ähnlich wie ihr das jetzt auch hattet, noch mal so Richtung Land sind auch schon immer mal da mit kleineren Kindern. Das, genau, hat mich auch noch mal hierher getrieben und euer Input war auf jeden Fall Das ist immer sehr schön. Aber das war auch noch mal eine Frage, wie ihr das so macht. Ich hatte gehört, du bist jetzt als Rettungsarzt tätig. Aber wie wird da mit Notfällen umgegangen? Wie ist das dann so mit dringenden Facharztüberweisungen usw.? Und auch so diese Stellung, die man ja hat. In der Stadt ist es ja auch so dieses eine, man trifft auch so in Lüneburg ständig Menschen, mit denen man privat, aber auch arbeitstechnisch zu tun hat. Und hier ist man sicherlich nochmal wieder in einer ganz anderen Rolle. Und genau wie man damit auch umgeht und da nochmal diese Grenzen setzt.

 

SIMON:

Das ist ein Riesenpunkt. Das gelingt den Kolleginnen und Kollegen irgendwie besser oder schlechter. Ich glaube, das Mittel dagegen ist, einfach Strategien zu entwickeln. Ich hab ja schon gesagt, ich hab zum Beispiel einen Tag frei. Das ist einfach total wichtig, Selbstvorsorge zu betreiben, und das auch in der Struktur festzulegen, dass das funktioniert, dass das auch nicht angetastet wird. Und ich glaube, das einzige Mittel, was wir dagegen haben können, ist, das in Gemeinschaft zu machen, also im Team. Das ist das, was das doch viel einfacher macht, wenn da einer ist, der dich kennt, der dir sieht, dass du gestresst bist, und einfach mal sagt, mach doch mal eine Stunde frei, übernehmen oder irgendwie sowas, dass man da so dran ist. Ich denke, diese Überforderungs- und Burn-out-Situationen im Haus, das ist vielleicht nicht so hoch, aber ich sehe das bei unseren Fachärzten-Kollegen. Unsere Neurologin, die kriegt alle neurologischen Fälle erstmal rufen müssen, die bei ihr anrufen und sich einen Termin machen. Das kann die nicht schaffen. Und wenn du dann auch noch in der Praxisorganisation irgendwie Personalsorgen hast oder irgendwie dann bist du echt da alleine und hältst da irgendwie grad noch so ein bisschen die Fahne hoch. Und das ist echt das Problem, ne? Und das Einzige, was wir machen können, ist, selbst irgendwo anzurufen. Wir kennen dann natürlich irgendwie die jetzt. Das ist auch gut. Also ich war vorher in Ilsen im Krankenhaus, in Dannenberg im Krankenhaus. Die meisten kenne ich einfach noch so. Da rufe ich mal kurz an, organisier irgendwas für Krankenhauseinweisungen notwendig, für Fachärzte. Da ist es einfach so, dass man dann auch die Termine machen muss. Das ist ja auch viel mehr Aufwand. Ich hab nie in der Stadt in der Haushaltspraxis gearbeitet, aber ich finde, das ist so ... Man kommt raus und macht dann vielleicht noch einen Hausbesuch. Auch diese Hausbesuche, du fährst über diese Dörfer. Wo du dann hinkommst, das ist schon so ein bisschen Unwinding selber. Das mach ich ganz gern. Und das ist ja auch ... Die Szene, die hier ist, ist ja auch sehr, sehr bunt und sehr nett. Und hier gibt's einfach Unikate, ne? Und das ist total schön eigentlich, ne? Weil das ganz tolle Leute sind. Und Patienten trifft man überall, ja. Ü-ber-all. Aber das ist auch okay. Man muss halt einfach diesen Code-Shift machen können. Dass man sagt, jetzt bin ich Arzt, jetzt bin ich dein Arzt, jetzt bin ich dein, weiß nicht, Partygefährte und wir trinken was zusammen oder so. Das ist halt einfach ... Da muss man einfach den Code ändern. Das geht aber, find ich.

 

WENDLANDLEBEN:

Ist das für dich als Ärztin, die mit dem Gedanken des Landlebens spielt, spielt die durchaus wirklich dramatische Situation abschreckend oder eine Herausforderung, bei der du sagst, die Argumente, Gemeinschaft, eine interessante Patientenszene, sind das Argumente, die dich überzeugen würden oder ist diese große Angst der Überforderung und es ist einfach alles richtig viel, weil das muss man ja einfach sagen mit allen Ärztinnen und Ärzten und auch Pflegekräften, mit denen wir uns unterhalten haben, die sagen, es ist einfach krass, krass viel gerade. Wir brauchen wirklich dringend Hilfe und Leute. Welchen Eindruck macht das auf dich?

 

PUBLIKUM 2:

Hm, so beides. Also, dass es euch trotz dieser Überforderung ja gelingt, macht auf jeden Fall Mut. Klingt auch nach Chance zur persönlichen Weiterentwicklung. Und ... genau. Ja, schön, dass diese Kontaktstelle auch vorhanden ist. Einfach auch so viele Ideen.

 

RIKE:

Es gibt so viele Menschen, die so tolle Ideen haben und die auch so neue Konzepte entwickeln. Und ich glaube, wir haben ja immer dieses Problem, dass wir denken, oh Gott, wenn ich jetzt einmal anfange, dann wäre ich überrammt von Leuten oder von Patienten oder Frauen oder wie auch immer. Aber irgendwie so selbst ein kleiner Schritt und ein kleines irgendwas zu tun ist so viel wertvoll und wird so wertgeschätzt. Also das finde ich enorm hier, dass die Menschen so wahnsinnig wertschätzend sind, auch wenn du nur ein bisschen Zeit hast, du sagst, okay, ich habe nicht viel Zeit, aber ein bisschen habe ich. Und das wird schon so von Herzen irgendwie angenommen. Und das finde ich sehr besonders hier. Also das fand ich anders in Berlin. Da war es irgendwie so eine Selbstverständlichkeit. Das ist ein Service. Du wirst ja schließlich dafür bezahlt. Und das finde ich ist es hier gar nicht. Also man muss ein bisschen aufpassen mit dieser Abgrenzung, dass du nicht gleich die beste Freundin wirst und zur Konfirmation und zu allem und überall zu jedem Geburtstag kommen musst. Genau. Und ich glaube auch, dass mit dem Team, also das ist bei uns auch so, dass wir gesagt haben, wenn wir den Rückhalt des Teams nicht haben und immer wieder sagen können, hey, ich muss jetzt mal raus, ich kann nicht mehr, ich muss mein Handy ausmachen und so. Also ich glaube, dieses Alleinkämpferische, das ist hart. Aber wenn man so Gemeinschaftsstrukturen aufbaut, dann kann es gut sein.

 

WENDLANDLEBEN:

Ich höre raus, das ist durchaus Gemeinschaftsstruktur, Angebote an Leute da draußen. geben kann aus dieser Region aus. Ich möchte auch noch mal sagen, vielen, vielen Dank, dass ihr erst mal die Zeit genommen habt, die sehr wertvolle Zeit, um hier mit uns zu reden. Und tatsächlich, ob der großen Last so positiv damit umgeht. Ich behaupte, dass das irgendwas damit zu tun hat, dass es Hoffnung gibt. Danke. - Danke. [Applaus]

 

Das war unsere Folge „Landgesundheit“. Mehr Infos zu den Gästen und ihrem Schaffen findet ihr in den Shownotes. Wissenswertes über den Landkreis Lüchow-Dannenberg als Ort zum Leben und Arbeiten, seine Wirtschaft sowie Geschichten und Tipps für verschiedene Lebenslagen gibt es auf wendlandleben.de.
Die bereits genannte Seite wendlandarzt.de richtet sich speziell an medizinisches Fachpersonal, also Ärzt*innen, Pflege-, Hauswirtschafts- und Betreuungskräfte sowie Qualifizierte von sonstigen Gesundheits- und Heilberufen, unter anderem mit aktuellen Jobs. Dort findet ihr auch die Kontaktinformation zu uns. Meldet euch sehr gerne, wenn auch ihr im Wendland landen wollt.

WENDLANDREDEN ist eine Produktion der Agentur Wendlandleben. Technische Umsetzung Hannes Gerlof und Simon Kamphans.

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